Südostasiatische Flüchtlinge in der Schweiz

Author(s) : Hans-Rudolf Wicker

Source : https://doi.org/10.1007/978-3-0348-5244-9_9

Abstract:

« Nguyens leben seit 1981 in einem Wohnblock in Oensingen. Von schweizerischen Nachbarn werden sie als Menschen eingeschätzt, über die es nicht viel zu berichten gibt, weiss man doch eigentlich wenig über sie. Sie leben zurückgezogen und fallen nicht auf. Es ist allgemein bekannt, dass sie zu Beginn der Achtzigerjahre als Flüchtlinge in die Schweiz gelangten und dass sie ursprünglich aus Vietnam stammen, einem Land, das niemand aus dem Bekanntenkreis jemals bereist hat. Man weiss nur, dass die Nguyens nicht Christen, sondern Buddhisten sind, und man erzählt sich, dass in ihrer Wohnung ein kleiner Altar mit einer Buddhastatue stehe. Vor dem sitzenden Buddha habe es ein irdenes, mit Reis gefülltes Töpfchen, in dem manchmal Weihrauchstäbchen brennen, sowie eine Schale mit Früchten. Van Thu, der Vater der Familie, arbeitet als Hilfsarbeiter in einer Fabrik, Phu Vinh, die Mutter, macht den Haushalt und versorgt die Kinder. Beide können sich nur schlecht und recht in der deutschen Sprache verständigen. Ihre Sprachkenntnisse, eine Mischung aus Hochdeutsch und Dialekt, genügen zwar, um am Arbeitsplatz oder beim Einkaufen einfache Wünsche auszudrücken oder um auf der Strasse mit Nachbarn einige Worte zu wechseln. Längerführende und tiefere Gespräche auf Deutsch sind aber nicht möglich. Das macht es sowohl für sie als auch für ihre schweizerischen Bekannten schwierig, intensivere Kontakte zu unterhalten. Für die vier Kinder sieht es schon anders aus. My, die ältere Tochter, und Dung, der ältere Sohn, wurden in Vietnam geboren. Sie waren sechs, respektive fünf Jahre alt, als die Familie 1979 Vietnam verliess, und sie haben deshalb nur noch vage Erinnerungen an ihr Heimatland. Beide wurden in Oensingen eingeschult und beide sprechen perfekt «solothurnerisch». Nur vom Aussehen her unterscheiden sie sich von ihren Schulkameraden. Dasselbe gilt für die kleineren Kinder, Lam, den zweiten Sohn, und An, die zweite Tochter. Beide kamen in Oensingen zur Welt und deshalb kennen sie Vietnam nur von Bildern und aus den Erzählungen der Erwachsenen. Die Eltern sprechen unter sich den südvietnamesischen Dialekt, und auch am Mittagstisch wird in der Familie vietnamesisch gesprochen. Sind die Kinder jedoch unter sich, bevorzugen sie Deutsch. Für die Eltern ist es manchmal schmerzhaft, wenn sie die Kinder sprechen, lachen und streiten hören, ohne davon ein Wort zu verstehen. Es stellen sich dann bei ihnen Gefühle der Befremdung, der Trauer und manchmal auch der Wut ein, verspüren sie doch, dass ihre Kinder einer anderen Welt angehören, zu der sie selbst keinen Zugang haben. Die Eltern wissen wohl, dass dies sich nicht ändern lässt und dass sich ihr Flüchtlingsdasein vermutlich bis zu ihrem Lebensende als Balanceakt zwischen zwei grundverschiedenen Kulturen — der vietnamesischen und der schweizerischen — abspielen wird. So bleibt ihnen nur der Traum, vielleicht doch einmal in das Land zurückkehren zu können, wo alle Menschen ihre vietnamesische Muttersprache sprechen, wo ihre Ahnen begraben sind, wo der Reis in den bewässerten Feldern wächst, und wo die buddhistischen Tempel stehen. »

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